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  Mittwoch, 17.03.2010 22:54

Eine Kindheit in Lippe
Unser erstes Auto

Ein eigenes Auto zu haben war vor fünfzig Jahren etwas besonderes. Wir Kinder spielten einfach auf der Strasse, weil dort nur jede Stunde ein Bus kam und zwischdurch drei Autos. Im Sommer auch schon mal ein Trecker...
So war das damals. Autos, Fernsehgeräte und Telefone gab es  -  aber nicht überall und nicht in jeder Familie.
Unser erstes Auto war ein Fiat 600, ein wirklich netter Kleinwagen, der mühelos Eltern, Oma und drei kleine Kinder befördern konnte. Sein Motor produzierte ganze 19 PS und bei gut 100 km/h war Schluss.  -  Wir waren glücklich...

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Es war an einem Freitag nachmittag, als mein Vater mit ihm nach Hause kam  -  mit ihm, unserem Fiat. Meine Brüder und ich waren auf der Stelle Fiatfans und hätten nie etwas auf ihn kommen lassen. Es war ein tolles Auto. Cremeweiß lackiert und mit dunkelroten Kunstledersitzen ausgestattet. Das Armaturenbrett feinstes Blech mit einem Tacho und zwei - drei Schaltern. Natürlich fehlte der Aschenbecher nicht. Zum Anlassen gab es zwei kleine Hebelchen zwischen den Vordersitzen und der Motor war, wie sich das damals gehörte im Kofferraum, also hinten. Im Motorraum vorn war der Tank und daneben etwas Platz für eine Handtasche oder einen kleinen Sack Torf.
Mein Vater stand stolz neben dem Auto vor dem Haus und wir hinter dem Fenster und guckten raus. Vor lauter Aufregung hatten wir vergessen, gleich rauszurennen und mussten dazu erst aufgefordert werden. Wir Kinder und Oma quetschten uns auf die Rückbank und meine Mutter nahm auf dem Beifahrersitz platz. Ah, da ist ein Spiegel. Unbefangen griff sie nach dem Utensiel, um sich darin zu betrachten und die Haare zu richten. Sogleich musste sie sich vom Fahrzeugführer eines Besseren belehren lassen und wusste nun für alle Zeit, wofür solch ein Spiegel im Auto gedacht ist. Es ist eben ein Rückspiegel und nicht etwa ein Schminkspiegel...
Die allgemeine Aufregung war so groß, dass sich alle Gespräche nah an der Streitgrenze bewegten. Wahrscheinlich war alles Ersparte in das Auto investiert worden. Aber von solch profanen Dingen hatte ich damals keine Ahnung.

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Die erste Ausfahrt verlief dann aber erfolgreich und alle waren der Meinung, dass wir das beste Auto hatten, dass man sich denken konnte. Es sah aber auch wirklich gut aus und fuhr fantastisch. An das charakteristische Motorgeräusch und an den Eigengeruch kann ich mich noch heute erinnern.

Später machten wir mit dem Fiat oft Wochenendausflüge, die bevorzugt an die Weser führten. Einmal hat sich zwischen Polle und Bodenwerder eine Bremse "festgefressen". Erst hat es verbrannt gerochen und dann gequalmt und schließlich blockierte ein Rad. Meine Eltern stritten darüber, was man nun machen sollte und wer einem an einem Sonntag wohl helfen könne, aber es viel ihnen nichts ein. Die Diskussion dauerte so lange, bis meine Mutter schließlich meinte, mein Vater solle doch mal rückwärts fahren, vielleicht....? Das war dann die Lösung. Das Rad drehte sich wieder und wir fuhren ganz vorsichtig und ziemlich ängstlich nach Hause zurück. Die gute Stimmung war natürlich dahin aber unser Auto, das längst zu einem Familienmitglied geworden war, war wieder gesund. Gott sei Dank...

Ein anderes Mal glaubten meine Eltern, uns Kindern das Mausoleum in Bückeburg zeigen zu müssen. Zu diesem Anlass hatte meine Mutter Kartoffelsalat (Sie wissen schon, ganz lippisch mit Gürkchen und so...) und Frikadellen zubereitet.
Den Kartoffelsalat hatte sie für jeden in ein Schraubdeckelglas gefüllt und die Frikadellen lagen in einer Schüssel mit einem Geschirrhandtuch darüber. Eine Senftube hat natürlich nicht gefehlt.
Auf dem Weg nach Bückeburg suchten meine Eltern lange und erfolglos nach einem geeigneten Piknikplatz. Leider ließ sich keiner finden und so standen wir dann irgendwann mittags kurz vor Bückeburg in einem schrecklichen dunklen Tannenwald, auf dessen Boden nicht ein Grashalm wuchs und aßen schweigend die Dinge, die eigentlich so lecker waren. Wie gern hätten wir auf einer sonnigen Wiese im Gras gesessen und Schmetterlinge gezählt  -  beim Essen...

Wir Kinder haben den Fiat geliebt und fanden seinen Nachfolger, einen graubraunen VW Käfer längst nicht so gut.
Der war viel lauter und langsamer war er auch. Eine richtige Heizung und einen richtigen Kofferraum hatte er auch nicht.
Mein Vater aber war den Fiat irgendwann leid, weil der bei Regenwetter einfach nicht anspringen wollte. So hatte er jeden Morgen, wenn nicht die Sonne schien Angst, nicht rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Da fehlte ihm die Gelassenheit, die ein echter Fiatfahrer braucht.

Wenn man bedenkt, dass ein gut erhaltener (meist längst restaurierter) Fiat 600 heutzutage mehr Geld kostet als damals, hätte man ihn eigentlich aufheben müssen.
Aber man kennt das ja...
Kaum ist das neue Auto da, ist das alte schon vergessen.





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