
  Donnerstag, 11.03.2010 12:38
Eine Kindheit in LippeMeine Oma und ihr Radio Als ich Kind war, hielt ich meine Oma für eine ganz alte Frau. Inzwischen bin ich fast so alt, wie sie damals.
Meine Oma trug immer dunkle Kleidung. Ihre Haare waren grau und zu einem kleinen Knoten zusammengebunden; das war ihr "Dutt". Fast alle Omas hatten damals solch eine Frisur. Das Leben meiner Oma war nicht so technisiert, wie das unsere heut zutage. Eine Autofahrt war schon etwas ganz besonderes und meine Oma konnte sicher alle Autofahrten an fünf Fingern abzählen. Natürlich hatte meine Oma keinen Elektroherd und keinen Kühlschrank. Ein Telefon hatte sie schon garnicht.
Wenn meine Oma kochen oder backen wollte, musste sie ein Feuer im Ofen anmachen - auch im Sommer.
Ihre Vorräte kochte sie ein oder lagerte sie im Keller. Den Fernseher, den meine Eltern in den frühen sechziger Jahren anschafften, hielt sie für ein Zaubergerät, dass sie nie wirklich verstanden hat. Wenn da mal jemand zu Tode kam, war sie fest davon überzeugt, dass derjenige jetzt auch wirklich tot sei. Davon, dass das alles nur gespielt sei, war sie nie zu überzeugen.
Anders war das mit Omas Radio. Ein Radio hatte meine Oma schon ewig. Natürlich hatte Opa es gekauft, als er noch lebte. Als meine Oma Witwe war, machte sie das Radio oft an. Aber nur, wenn sie auch wirklich Zeit zum zuhören hatte.
Radio hören bedeutete, dass meine Oma dann garantiert nichts anderes machte und still vor dem Gerät saß und lauschte.
"Still!" war das einzige Wort, dass sie dann ab und zu sagte. Zum Beispiel, wenn ich beim Radio hören redete...
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.Wirklich eindrucksvoll war das Radiohören im Winter, wenn es draußen schon dunkel war. Wenn ich zu meiner Oma in die Wohnküche kam, holte sie die große Keksdose vom Schrank und stellte ihre selbstgebackenen Erzeugnisse auf den Tisch. Ich musste dann immer sagen, dass die selbstgebackenen am besten schmeckten. Manchmal waren in der Dose auch gekaufte, Waffeln oder solche mit Schokolade. Eigentlich mochte ich die noch ein bisschen lieber als die meiner Oma. Aber das habe ich nie zugegeben und so hat meine Oma immer neue gebacken...
Wenn wir am Tisch saßen, schaltete meine Oma das Licht aus. Jetzt sah man nur noch die Skalenbeleuchtung des Radios und dahinter an der Wand leuchtende Punkte, die das an der Rückwand des Radios austretende Licht dorthin funzelte. Durch ein kleines Loch in der Herdplatte wurde ein flackernder kleiner Lichtschein an die Zimmerdecke geworfen. Also kurzum, es war wirklich dunkel. Oma hörte jetzt "Zwischen Rhein und Weser" oder "Das Echo des Tages".
Diese Sendungen waren wichtig und ich musste still sein.
Wenn ich es recht bedenke, habe ich dank meiner Oma das Radio hören gelernt. Ich tue es heute immer noch und die beiden Sendungen sind auch meine Begleiter durch den Tag und am Abend.
Zwar habe ich ein viel moderneres Radio, aber Omas lebt trotzdem noch. Es steht schräg gegenüber vom Schreibtisch und wirft abends, wenn es dunkel ist sein schwaches Licht ins Zimmer. Manchmal mache ich dann das Licht aus und denke an meine Oma....
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