Impressum | Kontakt | Über uns  
  Dienstag, 16.02.2010 04:44

Eine Kindheit in Lippe
Die erste Klassenfahrt...

Der unschlagbare Höhepunkt im Leben eines lippischen Dorfschülers war eine Klassenfahrt. Ich war im vierten Schuljahr, als ich einen Brief der Schule mit nach Hause nehmen durfte: Er enthielt ein Schreiben an die Eltern und eine lange Liste, die genau beschrieb, was alles mitzubringen sei.

Es sollte nach Norderney gehen, ins Schullandheim.   War das aufregend.  So weit war ich noch nie von zuhause fort.
So lange auch noch nicht. Zwei Wochen auf die Insel...

.     .

Ich glaube, in der Nacht vor unserer Abfahrt habe ich kein Auge zugetan...Der alte braune Kunstlederkoffer mit den Sperrholzleisten stand im Hausflur und der kleine Rucksack wartete auf Brote und Termosflasche. Morgen früh würde ich im Bus sitzen und nach Norderney fahren.

Es war das erste Mal seit der Einschulung, dass ich zur Schule gebracht wurde. Dort standen schon die anderen aus meiner Klasse und warteten auf den Bus. Die Aufregung stand allen ins Gesicht geschrieben: Reisfieber nannte man so etwas!  Dann endlich kam er. Ein zweifarbig in rot - weiß bemalter Bus mit Dachfenstern.  Der Fahrer verlud unsere Koffer unten im Bus und oben nahmen wir Kinder platz. Schnell noch einmal gewinkt und dann ging es los.
Oben im Gepäcknetz der Rucksack mit einem Stapel Butterbrote mit lippischer Leberwurst und Schmelzkäse.
Ich glaube, die habe ich bis Porta - Westfalica alle aufgegessen.
Als wir dort die Weser überquerten, wusste ich: jetzt sind wir ganz weit weg. Gingen doch die bisher weitesten Fahrten mit unserem Fiat 600 höchstens an die Weser. 
Der Reisebus war ganz anders als die Postbusse, mit denen ich immer in die Stadt fuhr, wenn mich meine Mutter zum Einkaufen mitnahm oder ich zum Friseur musste. Vor allem die Dachfenster, durch die die Sonne hinein schien haben mich sehr beeindruckt. Die Sitze hatten Gepäcknetze und auf dem Gang lag ein richtiger Teppich.

Irgendwo zwischen Uchte und Bremen machten wir eine Pause und dann ging es weiter nach Norddeich. Dort bestieg ich zum ersten Mal im Leben ein Schiff: die Frisia 2.  Das brauchte über eine Stunde für die Überfahrt zur Insel und fuhr seiner Zeit nur bei Flut. "Bei Windstärke 6 können wir noch fahren, aber dann wird´s kritisch," hatte unsere Lehrerin uns vorher erklärt. Aber es war nicht besonders windig und das Schiff schaukelte kaum. Trotzdem fand ich jede Welle eindrucksvoll und schaute fasziniert über die Reling auf das Meer. Das hatte ich bis zu diesem Tag auch noch nie gesehen.

.     .


Während das Schiff leise schaukelnd durch die Wellen glitt, kam die Insel langsam näher. Man konnte die Häuser der Stadt erkennen und ganz weit rechts war sogar der Leuchtturm zu sehen. Dann waren wir endlich im Hafen und das Schiff legte an. Von dort mussten wir alle unsere Koffer bis zum Schullandheim schleppen - zu Fuß versteht sich.
Dann wurden wir alle auf die Zimmer verteilt und mußten uns einigen, wer in welchem Bett schlafen durfte. Ich hatte noch nie in einem zweistöckigen Bett genächtigt und wollte am liebsten nach oben. Aber ich konnte mich nicht durchsetzen und schlief also unten. Unter dem Bett fand mein alter Koffer platz und dann ging es in den Speiseraum zum Essen.         .

.     .

Das Schullandheim hatte seinen ganz eigenen Reiz: Es war ein älterer Backsteinbau mit unendlich langen Fluren und bestand eigentlich aus mehreren Gebäuden. Sie standen auf sandigem Boden, auf dem nur karger Rasen wuchs. Die Wege zwischen den Häusern waren mit Ziegelsteinen gepflastert. Alles sah ganz anders aus als in Lippe.

.     .

Gegessen wurde in einem riesengroßen Saal. Dort standen viele Tische, die im Nu besetzt waren und man musste ganz gehörig aufpassen, um zuerst einen Platz und dann von allem genug zu bekommen. Die Frechsten nahmen sich nämlich gern zwei mal das Beste und die anderen konnten schauen, was für sie blieb. Zum Glück passten die Lehrer auf, dass niemand zu kurz kam und ich wurde jedes mal satt. Ich kann mich allerdings nicht erinnern, jemals einen solchen Appetit   gehabt zu haben, wie auf Norderney. Selbst den seltsamen Tee mochte ich, wenngleich ich nicht verstand, was Hängolin war. Das jedenfalls sollte im Tee enthalten sein und irgendwie für "Ruhe" sorgen...

Wer sich bei Tisch schlecht benahm, durfte zur Belohnung am nächsten Vormittag in der Küche beim Kartoffelnschälen mithelfen. Das war keine sehr reizvolle Aufgabe und sie viel mir nur ein einziges Mal zu. Es reichte mir völlig aus, ein mal gesehen zu haben, wie groß eine Küche sein kann und dass es Töpfe gibt, die unsere zu hause um ein vielfaches übertrafen. Ich wollte keine Strafarbeiten verrichten und lieber mit den anderen an den Strand gehen.

.     .

Den Strand fand ich unendlich groß. Er war breit und so lang, dass er garnicht enden wollte. Am schönsten war es, wenn man durch die Dünen ging und dann den ersten Blick auf das Meer werfen konnte. Man hörte die Wellen rauschen und der Wind, der hier immer gegenwärtig war, zerzauste die Haare. Im Sand lagen Muscheln und Schalen von Krabben herum. Schätze, die ich in großen Mengen sammelte, um sie dann mit nach Hause zu nehmen. Am Strand machten wir Ballspiele und wanderten irgendwo hin, zum Beispiel zum Leuchtturm. Ich hätte lieber Krebse und Seesterne gesammelt.

.     .

Der Strand und das Meer waren für uns alle das Aufregendste überhaupt. Man konnte den Möwen zusehen und erlebte Ebbe und Flut. Mal war das Meer weg und dann war es wieder da. Wieso das der Mond verursachen konnte, habe ich kaum glauben können. Ebbe fand ich unattraktiv. Ich schaute lieber den Wellen zu und beobachtete die Möwen, die nach Muscheln und Krebsen suchten. Ihre Flugkünste waren beeindruckend.

.     .

Ich selbst suchte auch gern nach Muscheln und Krebsen. Die konnte man an den Buhnen finden, die als Wellenbrecher dienten und aus großen Steinen vom Strand ins Meer gebaut waren. Dort gab es auch bei Ebbe viele Wasserlöcher, in denen die Meerestiere zu finden waren und ich machte mich immer wieder auf die Suche nach ihnen. Anders, als am Strand waren sie lebendig und man konnte richtig auf die Jagd nach diesen Schätzen gehen.                             .

.     .

.     .

Was die Möwen nicht entdeckten, entdeckte ich.  Etwas ganz besonderes war es, einen echten Seestern zu finden. Ich habe dann alle meine Funde sorgsam getrocknet und in eine Tüte gesteckt, um sie mit nach Haus zu nehmen. Leider waren meine Schätze nicht trocken genug und haben schrecklich gestunken, als sie aus dem Koffer gezogen wurden. So musste ich mich davon wieder trennen;  nur einige Muschelschalen sind mir geblieben.             

Nicht jeder Tag war der Suche nach Strandgut vorbehalten. Zu einer Klassenfahrt gehören natürlich auch die unvermeidlichen Wanderungen. Wir wanderten zum Leuchtturm und ins Watt, natürlich bei Ebbe. Geführt wurden wir dabei von "Hermännchen Wattführer", einem kleinen lustigen Männchen, dass immer wieder betonte, dass der große Hermann in Detmold sei und er auf der Insel Norderney. Er hielt sich für genau so wichtig, wie den großen Hermann.

Nicht schwer ist es gefallen, dass Taschengeld unter die Leute zu bringen. 10,-- Mark durften wir mitnehmen, dass war sehr viel Geld. Gleich am ersten Tag tätigte ich eine große Ausgabe: Ich aß für mein Leben gern Schokoladeneis. Eine einzige Kugel davon kostete damals nur 10 Pfennig. So kaufte ich Dummkopf ein Rieseneis für eine Mark. Als ich das geschafft hatte, war mir ganz schlecht. Diese Erfahrung half mir sehr beim sparen und so konnte ich mich leichter dazu entschließen, mein restliches Geld in bleibende Werte zu investieren. Eine kleine mit Muscheln beklebte Holzschachtel war es, die ich so als Souvenier mit nach Hause brachte.

Die zwei Wochen im Schullandheim vergingen schnell. Abends ging man spät zu Bett und stand am Morgen übermüdet auf, denn irgendwie schliefen wir alle zu wenig. Bis spät in die Nacht schwatzten und kicherten wir, sodass unsere Lehrer immer wieder ins Zimmer schauen und uns an das Schlafen erinnern mussten.

Zum Frühstück gab es morgends immer irgendwelche ungewohnten Dinge vom Teller. Puddingsuppe oder Haferschleim. Das entsprach nicht meinem Geschmack und so war ich am Mittag immer besonders hungrig. Einmal, so erinnere ich mich noch lebhaft, habe ich ein klitzekleines Schnitzel mit meinem Lehrer gegen seinen Pudding getauscht. Für uns beide war das ein gutes Geschäft. 

An einem der letzten Tage machten wir noch eine Fahrt mit dem Schiff zu den Seehundsbänken. Die Seehunde habe ich nur als wenige kleine schwarze Punkte in Erinnerung. Ganz aus der Nähe haben wir keine zu sehen bekommen - schade.

.   ..   .




Die Bilder dieses Berichtes sind im vergangenen Jahr auf Norderney entstanden. Ich habe der Insel einen Besuch abgestattet und im ehemaligen Schullandheim, dem jetzigen Gästehaus Detmold gewohnt. Da hat sich viel verändert. Lesen Sie einmal den Artikel über einen Urlaub auf Norderney. Es kann sein, dass Sie dann auch alte Erinnerungen auffrischen möchten. Der Kreis Lippe bietet dort preisgünstige und komfortable Urlaubsmöglichkeiten....


Im Internet können Sie sich außerdem ausführlich informieren: www.inselquartiere.de
Auskünfte am Telefon erhalten Sie unter der Nummer: 05231 - 624 620 oder inselquartiere@kreis-lippe.de



.