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  Sonntag., 14.02.2010 09:13

Eine Kindheit in Lippe
Auftakt zu einer neuen Serie im Lippe-News-Magazin

Kindheitserinnerungen die fünfzig  Jahre alt sind haben für Kinder, die danach  fragen den Nimbus des antik-exotischen.
Da gab es noch kein TV, kein Telefon, geschweige denn ein Handy und erst recht keinen PC. Was haben die damals eigentlich den ganzen Tag gemacht?

Kindheitserinnerungen die fünfzig Jahre alt sind haben für älteren, die sich an sie erinnern, den Nimbus des Verklärten. Oft sind sie in den Jahren immer schöner geworden, oft haben sie sich auch immer weiter von der Realität entfernt.
Aber da sind auch die ganz unverfälschten, die lebendigen Erinnerungen, die Bilder in uns entstehen lassen, als sei es
gestern gewesen.

Einige davon werden sie an dieser Stelle in den nächsten Ausgaben lesen können.



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Die alte Dorfschule hatte ursprünglich nur zwei Klassenräume. Einen für die kleinen (Schuljahr 1 - 4) und einen für die
grossen, Schuljahr 5 - 8. Merkwürdig, dass das ging...  aber es waren auch gerade einmal 200 Kinder in der Schule.

Hier wurde auch ich vor fünfzig Jahren eingeschult und verbrachte genau hier acht lange Jahre. Weiterführende Schule? Das war auf dem Land seinerzeit eher die Ausnahme und in den Köpfen, die das "Kleine-Leute-Denken" so fest verinnerlicht hatten, nicht vorgesehen. Auf dem Dorf gabs eine Schule und da ging man hin...

Ich bin gern hingegangen, habe interessante Charaktere kennen gelernt und meinen eigenen gebildet. Ich habe auch dort viel gelernt, denn ich hatte einige engagierte Lehrer. Eine dieser engagierten Lehrer war meine Deutschlehrerin, "Fräulein K." Da sie nicht verheiratet war, wurde sie Fräulein genannt.
Unverheiratete Männer hießen aber deswegen nicht Herrlein....

Lange vor der Einschulung mußte ich zu einer Art Musterung. Da wurde dann festgestellt, ob ich schultauglich sei.
Das ging ganz schnell und war ganz einfach. Nachdem eine Ärztin, die aussah als wäre sie ein sehr spätes "Fräulein" festgestellt hatte, dass ich ohne Unsicherheiten wusste, wie ich heiße, musste ich noch mal schnell eben mit dem rechten Arm über den Kopf bis an das linke Ohr fassen.
Als ich das auch konnte, bekam ich die Mitteilung, dass ich eingeschult würde. So einfach war das.

Nachdem diese Veranstaltung gut überstanden war, kam vor der eigentlichen Einschulung noch ein weiterer Termin.
Der schien sehr wichtig zu sein; meine Mutter legte mir meine besten Sachen hin. Am Nachmittag sollten wir in der Schule erscheinen und ich konnte meine neue Lehrerin zum ersten Mal besichtigen. "Fraulein K..."
Ich habe sie später sehr gemocht und das hat sie gemerkt. Meine Beteiligungsnoten waren immer bestens...

Fräulein K. tat an diesem Nachmittag sehr wenig dafür, auch das Herz meiner Mutter zu erobern. Nicht einmal wirklich vertrauen wollte meine Mutter ihr danach und es sollte lange dauern, bis sich das wieder änderte.
Fräulein K. kam gerade von der Hochschule und war sehr modern eingestellt. Eine Eigenschaft, die in unserem Dorf nicht nur Zuspruch fand. Fräulein K. ließ uns Kinder nämlich Rollenspiele machen: Was für ein Quatsch! sagte meine Mutter später und regte sich darüber auf, dass ich als Schnecke nun mit meinen schönen Sachen auf dem Boden herumrutschte...
Wer sich an einen Waschtag  zu damaliger Zeit erinnert, weiß, was in der armen Frau vorging. Es war zum Heulen. Ich musste nicht nur mit schmutzigen Sachen nach Hause gehen. Ich musste auch den ganzen Weg über mit meiner Mutter darüber diskutieren, dass das jetzt wohl jeden Tag so gehen würde bei dieser Lehrerin. So etwas jedenfalls hätte es zu ihrer Schulzeit nicht gegeben... "Nicht ein einziges Mal!"

Fräulein K. war eine gute Lehrerin. Rollenspiele machten wir später nicht mehr. Wir lernten viel Interessantes bei ihr. Lesen zum Beispiel. Leider auch schreiben...
Anfangs war das nicht so schlimm. Erst, als ich den ersten"Füllfederhalter" bekam, begann das Drama. Von uns Kindern einfach Füller genannt benutzten die Erwachsenen den drohend wirkenden Begriff "Füllfederhalter". Das klang sehr kompliziert und war Ausdruck dessen, was ich mit diesem Gerät erlebte. Ich konnte einfach lange nicht richtig die Tinte aus dem Glasfässchen in den Kolbenfüller hineindrehen. Ohne Flecken, Geschimpfe und Tränen ging das nie. Ich hasste den Füller.

Aber gelesen habe ich schrecklich gern. Das verdanke ich Fräulein K.  "Ließ doch mal vor," sagt sie oft zu mir. Sie ließ mich auch manchmal nacherzählen. Dann war ich glücklich. Das machte auch keine Flecken...

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Im Nachkriegsdeutschland der fünfziger und sechziger Jahre waren diese Bücher etwas ganz besonderes.  
Die Lesebücher aus der Reihe  "Auf grosser Fahrt" folgten einem neuen pädagogischen Weg. Die Zeit des dritten Reiches war endgültig abgelegt, ihre zweifelhafte Pädagogik auch.

Dennoch waren ihre Geschichten aus heutiger Sicht doch befremdlich. Die Werte von damals waren andere. Sie wurden auch anders vermittelt. Einige kleine Beispiele sollen hier folgen:

Die Brautschau, Auf großer Fahrt Band 1:

Es war einmal ein junger Hirt, der wollte gern heiraten. Er kannte drei Schwestern. Davon war eine so schön wie die andere. Er konnte sich nicht entschließen, welche er nehmen sollte. Da fragte er seine Mutter um Rat. Die sprach:
"Lade alle drei ein und setzte ihnen Käse vor und habe acht, wie sie ihn anschneiden!" Das tat der Jüngling.
Die erste verschlang den Käse mit der Rinde.
Die zweite schnitt in der Hast die Rinde vom  Käse ab. Weil sie aber so hastig war, ließ sie noch viel Gutes daran und warf das mit weg.
Die dritte schälte ordentlich die Rinde ab, nicht zu viel und nicht zu wenig.
Der Hirt erzählte das alles seiner Mutter. Da sprach sie: Nimm die dritte zu deiner Frau!"
Das tat er und lebte zufrieden und glücklich mit ihr.


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Eine wirklich schöne Geschichte war auch die vom Fehlervogel, der aus den Heften eines kleinen Mädchens alle Fehler herauspickte und dann eines Tages an Überfütterung verstarb - mit einem lauten Knall.
Meine Lieblingsgeschichte war die von den Indianern. Glücklicherweise war sie auch viel länger als alle anderen.
Kaum konnte ich richtig lesen, habe ich nicht gewartet, bis sie im Unterricht behandelt wurde. Ich las sie zuhause.

Meine Nachmittagsspiele der folgenden Jahre wurden sehr durch diese Geschichte beeinflusst.

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Das Lesebuch für die zweite Klasse begann mit einem Lied: "Rinke, ranke, Rosenschein, lieber Morgen komm herein! Alle unsere Fensterlein sollen dir geöffnet sein, alle unsere Herzen."
Dann folgte ein ganz kleines Gedicht, oder war es eher ein Gebet: Wo ich gehe, wo ich stehe, ist der liebe Gott bei mir, wenn ich ihn auch niemals sehe, weiß ich dennoch: Gott ist hier!

Dann kam die erste kleine Geschichte des Lesebuches; eine Geschichte, die mehr und deutlicher den Zeitgeist der frühen fünfziger und sechziger Jahre verströmte, als die oben schon erwähnten:

Hans, steh auf!

"Hans, steh auf, mein Junge, die Sonne kommt schon!"
"Ach Mutter, die Sonne, die ist so alt, die braucht ja auch nicht viel Schlaf."
"Hans steh auf, mein Junge, die kleinen Vögel singen schon!"
"Ach, Mutter, die kleinen Vögel, die haben nur so kleine Augen, die brauchen nicht viel Schlaf."
"Hans, steh auf mein Junge, die süße Milchgrütze steht schon auf dem Tisch!"
Hans springt mit einem Satz aus dem Bett: "Mutter, gib mir schnell den großen Löffel her!"


Fräulein K. war zwei Jahre lang meine Lehrerin. Sie unterrichtete alles. Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion...
Sie machte mit uns im Sommer Spiele auf der Wiese (Drei mal drei ist Neune, du weißt ja wie ich´s meine...) und die ersten Ausflüge in den benachbarten Wald oder zu einem Bauernhof, wo uns Bienenvölker gezeigt wurden...
Sie hat mich nur einmal wirklich enttäuscht. Da hat sie meiner Mutter am Elternabend erzählt, dass ich folgendes zu ihr gesagt haben sollte: "Fräulein K., Du hast ein Haar am Rock. Ich mach es Dir mal ab."
Darüber hat meine Mutter gelacht und ich habe mich geärgert.  Ich habe "Du" und nicht "Sie" gesagt...
Das Fräulein K. in mein erstes Zeugnis die Bemerkung schrieb, dass ich sehr zerstreut sei und ständig aus dem Fenster sehen würde, habe ich ihr nicht übel genommen.
Schade, das Fräulein K. schon tot ist.



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