
  Samstag, 30.01.2010 16:01
...und das nicht nur zur Weihnachtszeit: Ratschläge für SeltengängerWas man beim Besuch des Gottesdienstes wissen sollte Gehen Sie gelegentlich in den Gottesdienst? Vielleicht nur zu Weihnachten? Was man wissen sollte und was es zu beachten gibt, wenn man denn einmal als unsicherer Seltengänger in eine solche Veranstaltung gerät, beschreibt
Robert Gernhardt in dem folgenden satirischen Beitrag. .

Am Heiligen Abend (oder auch Sonntags) wird der eine oder andere in die Kirche gehen wollen, und es wird für viele das einzige Mal in diesem Jahr sein, dass sie ein Gotteshaus betreten. Einige hilfreiche Hinweise mögen deshalb nicht schaden.
Seltengänger tun zunächst einmal gut daran, sich vor dem Kirchgang die passende Bekleidung herauszulegen. Den Damen sei geraten, weder zu kurz noch schulterfrei zu tragen. Warm aber unauffällig scheint angemessen.
Seltengänger beiderlei Geschlechtes sollten sich sinnvollerweise vor dem Kirchgang mittles einer kleinen Mahlzeit eine
gewisse Grundlage verschaffen, da Kirchen in der Regel keine Restaurationsbetriebe sind und auch kleinere Imbisse nicht gereicht werden. Selbst Süßigkeiten - Eiscreme oder Mon Cherie - stehen nicht zur Disposition. Auch der Verzehr mitgebrachten Knabberwerkes ist in Kirchen eher unerwünscht.
So gestärkt macht sich der Seltengänger auf den Weg. Er erkennt sein Ziel vor allem daran, dass statt der üblichen Reklamebeschriftung ein bis zwei von weitem sichtbare Türme Attraktion signalisieren.
Wir schreiten nun durch das Eingangsportal und sind zunächst überrascht von der ungeheuren Höhe des Raumes. Dies hat freilich nichts zu besagen: Dort oben spielt sich auch im weiteren Verlauf . . . nichts ab.
Der irritiert schweifende Blick des Seltengängers wird nun vergeblich nach einer Platzanweisrin suchen - zumal der Besuch der Veranstaltung kostenlos ist und also Eintritts- und Platzkarten nicht ausgegeben werden. Man wird sich danach - ohne freilich zu rennen oder zu schubsen - einen Platz auf einer der aufgestellten Bänke zu erobern haben.
Nun wird, entgegen den Erwartungen des Seltengängers weder das Licht verlöschen noch die Werbung beginnen. Vielmehr erheben sich die Versammelten zur Begrüßung eines Mannes, der im Vordergrund die weitere Gestaltung des Abends übernehmen wird.
Bei gelegentlichen gemeinsamen Gesängen sei dem Seltengänger geraten, weder lauthals ihm unbekannte Lieder zu improvisieren, noch bei rhytmischen Stellen in das beliebte Schunkeln zu verfallen, etwa mit Hilfe untergehakter Nachbarn. Im Falle von zu absolvierenden Gebeten empfiehlt sich dem Seltengänger ein gesenkter Blick und das Verschränken der Finger.
Und zwar verschränkt man seine Finger nicht in die der Nebenstehenden, sodern in die eigenen. Eine kleine Hilfestellung: in fehlerfreier Haltung betet der Seltengänger, wenn er bei diesem Ritual die Hände etwa so hält, als ob er einen Wellensittich erwürgen wollte.
Im weiteren Verlauf des Abends wird der Solist im Vordergrund einen erhöhten Platz erklimmen, um von dort eine Rede zu halten. Da darf nun, am heutigen Abend, mit der Weihnachtsgeschichte gerechnet werden.
Hier scheint ein kleiner Hinweis für Seltengänger angebracht: Bei dem Kind, das in diesem Zusammenhang Erwähnung finden wird, handelt es sich um die gleiche Person, die wir im Vordergrund des Raumes als einen ans Kreuz genagelten Herrn erkennen können. Dies nur, damit Sie auch das Ende der Geschichte kennen, von dem heute Abend freilich nicht die Rede sein wird.
Der Mann auf der Kanzel wird im übrigen einige mehr oder weniger temperamentvolle Appelle an das allgemeine Wohlverhalten der Anwesenden richten. Solche rhetorischen Höhepunkte sollen schweigend zur Kenntnis genommen und nicht mit Ausrufen wie "Bravo, der Mann!" , "Weiter so!" oder "Hört, hört!" kommentiert werden.
Von Applaus oder gar Pfiffen ist generell abzusehen. Prinzipiell gilt: der Selten- verhält sich wie der Ständiggeher passiv; unabhängig von der Dauer der Festrede.
Auch musikalische Zuspielungen sollen keineswegs mit Rufen wie "Give it to me!" oder "Lauter!" gestört werden, da es sich hierbei um Live-Musik handelt, welche an der Rückwand des Raumes auf einem ungewöhnlich umfangreichen Instrument namens Orgel hergestellt wird.
Zwischendurch sollte weder geraucht noch gar frühzeitig gegangen werden. Gegen Ende der Veranstaltung bekommen Sie von Ihrem Nachbarn einen Beutel voller Geld gereicht. Überschwänglicher Dank ist unangebracht. Sie sollen lediglich Ihrerseits Geld in diesen Beutel hinein - , auf jeden Fall nicht aus ihm heraustun, und das Gerät schweigend weiterreichen.
Auch beim letzten gemeinsamen Aufstehen wird dann nicht die Nationalhymne zu Gehör gebracht, sondern ein kleines Abschiedslied geistlicher Natur intoniert, an dessen Ende Sie sich gemessenen Schrittes aus der Kirche zu entfernen haben. Der Rest des Abends schließlich ist dem Sletengänger wieder zur freien Gestaltung überlassen, wobei ihm das eben Erfahrene Richtschnur sein mag oder auch eher nicht.
Quelle: Robert Gernhardt, Bernd Eilert, Peter Knorr: Es ist ein Has´ entsprungen und andere Geschichten zum Fest
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