Impressum | Kontakt | Über uns  
  Samstag, 16.01.2010 10:29

Vom Großvater und seinem Enkel
Nach einer Erzählung von Lew Tolstoi

Es war einmal ein Großvater, der schon sehr, sehr alt war. Seine Beine gehorchten ihm nicht mehr, die Augen sahen
schlecht, die Ohren hörten nicht mehr viel und Zähne hatte er gleich keine mehr.

Wenn er aß, floss dem alten Mann die Suppe aus dem Mund. Der Sohn und die Schwiegertochter lließen ihn deshalb
nicht mehr am Tisch essen, sondern brachten ihm sein Essen hinter den Ofen, wo er in seiner Ecke saß.

Eines Tages, als man ihm die Suppe in einer Schale hingetragen hatte, ließ er die Schale fallen und sie zerbrach.
Die Schwiegertochter machte dem Greis Vorwürfe, dass er ihnen im Haus alles beschädige und das Geschirr zerschlage,
und sagte, dass sie ihm von jetzt an das Essen in einem Holzschüsselchen geben werde.
Der Greis seufzte nur und sagte nichts.

Als der Mann und die frau einige Tage später zu Hause bisammen saßen, sahen sie, dass ihr Söhnchen auf dem
Fußboden mit kleinen Brettern spielte und etwas zimmerte.
Der Vater fragte ihn: "Was soll das denn werden, Mischa?"

Und Mischa antwortete: "Das soll ein Holzschüsselchen werden, Bater. Daraus werde ich dir und Mutter zu essen
geben, wenn ihr alt geworden sein."

Der Mann und die Frau sahen sich an und weinten. Ihnen wurde plötzlich bewusst, wie sehr sie den Greis gekränkt
hatten und sie schämten sich. Fortan ließen sie ihn wieder am Tisch sitzen und waren freundlich zu ihm.



.