
  Mittwoch, 23.12.2009 10:13
Vier Wochen Reis und TofuLetzter Teil der Chinareise: Peking Zu Peking gibt es viel zu sagen. Es ist eine gigantische Stadt mit ebenso gigantischen Strassen. Peking ist grau und sehr ungemütlich, versmogt und eigentlich nichts für Fußgänger. Bis auf die Sehenswürdigkeiten wie die verbotene Stadt, den Himmelstempel, Sommerpalast und die grosse Mauer et cetera scheint die chinesische Hauptstadt nicht viel zu bieten zu haben. Genau diese Ansicht teilte ich nach meinem ersten Besuch dieser Stadt. Ich war fasziniert von ihrer Grösse, enttäuscht von ihren Sehenswürdigkeiten und abgestossen von den monströsen Strassen, die man kaum überqueren kann. Nach meinem zweiten Besuch wiederum sah ich es komplett anders. Nun lernte ich ein anderes Peking kennen... Ein Peking mit kleinen baumbestandenen Strassen und nachbarlichem Flair. Mit Seen und Parks und einigen Cafe´s. Der grosse Unterschied war, dass ich bei meinem zweiten Besuch fast täglich durch die Stadt radelte. So entdeckte ich Peking ganz neu. Die enormen Distanzen bewältigte ich nun ohne Plattfüße und hatte genügend Zeit für Schlenker in Seitenstrassen. Und ich konnte mir Ziele setzen, fernab der grossen und berühmten Sights, die sowieso überfüllt waren.
Von diesen soll hier auch nicht die Rede sein. Ein jeder Peking-Besucher wird seinen Weg in die verbotene Stadt und zur grossen Mauer finden und alle Reiseführer sind gespickt mit Trips und Infos.
Ich fange aber doch von vorne an: Wiederum brachte mich ein moderner Nachtzug in die Stadt, diesmal erster Klasse, da die zweite Klasse ausgebucht war. Es gibt Fernseher und warmes Essen - Schlappen auch! All inklusive. Braucht man aber gar nicht , da der Zug allemann gleich in den Schlaf schaukelt und man früh morgens gleich ankommt. Der Bahnhof in Peking ist gross, hässlich und völlig überfüllt. Ich schätze, dass das bei meinem nächsten Trip bestimmt nicht mehr der Fall sein wird.
Chinas Großstädte haben ja die Eigenschaft, sich schneller zu entwickeln, als man es sich vorstellen kann. .. .
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Als Unterkunft habe ich mir ein Hostel in Pekings Altstadtviertel südlich des Platzes des himmlischen Friedens ausgesucht: Das Emperor Guesthouse und kostete mich die Nacht mal wieder keine 5 Euro.
Leider ist die Strasse dorthin eine einzige Baugrube, was in Peking aber kein Grund ist, eine solche Strasse zu sperren. So bahnen sich alle Passanten einen waghalsigen Weg am Rande der Grube entlang, über Rohre, Kabel, Leitungen und Erdhügelchen. Das Hostel verfügt über einen hölzernen Innenhof, an dessen umlaufenden Loggien sich die Zimmer befinden. Im Hof plätschern Miniaturspringbrunnen, eine kleine Katzenkolonie tobt umher und die obligatorische Glücksschildkröte fristet ein ehlendes Dasein in einem Wasserbecken. Letzteres gehörte für mich zu den traurigen Reiseeindrücken dieses Trips. Ein wenig mehr Tierschutz wäre wünschenswert.
Dennoch, dieses Hostel ist eine kleine Oase. Besonders nett war das Personal. Da das Haus noch nagelneu war, gab es noch keine Küche und mithin kein Essen. Das war dem Personal aber recht peinlich, so dass man mich persönlich
zum nächsten Restaurant brachte. Sophia, so heisst die Angestellte (zumindest mit ihrem ausgewählten englischen Namen) schleppte mich also 100 Meter durch die Baugrube und lud mich in einem Laden ab, der nach allem aussah, aber nicht nach einem Restaurant. Dann verschwand sie hinter einer Tür und kam mit diversen Gemüsesorten wieder (ich bin Vegetarier). "Do you like this", fragte sie und da ich alles bejahte, gab es dann auch mehrere grosse Schalen. Der Preis belief sich für den Berg Essen auf etwa 80 Cent, was wohl ebenfalls auf Sophias Verhandlungsgeschick zurück ging. Der Koch brachte mir das Essen sogar ins Hostel, da wie gesagt das Restaurant nicht so gemütlich aussah.
Mir wurde im Hostel erzählt, dass es einen Geheimgang bis zur verbotenen Stadt gibt und der Kaiser (welcher ?) diesen Tunnel benutzte, um sich aus der verbotenen Stadt zu schleichen und vermütlich schöne Volksfrauen zu schwängern...
Jedenfalls haben sie mir den Eingang zum Tunnel gezeigt! Das Personal blieb seinen Gästen nichts schuldig...
Auch am Abend war im Emperor Guesthouse eigentlich immer etwas los. Man stellte einen Zapfhahn und ein Bierfass auf oder dieGäste kauften sich das spottbillige Bier gleich im nächsten Laden. Dort allerdings weckte man dann immer die Verkäuferin, die scheinbar rund um die Uhr auf Kundschaft wartete. Ähnlich wie der Dim-Sum-Stand nebenan.
Der hatte auch täglich 20 Stunden geöffnet um seine Teigklösse an den Mann zu bringen. Nach ein paar Bieren konnte man sich dann noch ins Taxi setzen und in Pekings Nachtleben stürzen.
Es gibt bestimmt sehr gute Möglichkeiten auszugehen. Ich habe aber nur die Schlechteste kennengelernt: Die Sanlitun Lu. Dort ist eigentlich alles laut, überfüllt und international. Die Musik meisst miserabler Pop und es gibt eine Menge Kutisanen, die sicherlich ihre willigen Touristen finden... . . . .
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Glücklichere Abende kann man im Stone Boat Cafe im Ritan Park (Nahe der Us-Botschaft) verbringen. Am Wochenende gibt es dort oft Konzerte und man kann dann zuhören und gemütlich seinen Drink zwitschern. Zugegeben - zum richtig einen drauf zu machen ist das nichts. Dennoch, der Ort verzaubert.
In meiner Unterkunft gab es stabile Fahrräder zu mieten. Das Personal wünschte mir jeden Tag aufs Neue "Good Luck" und sagte "Take Care" , dabei empfand ich den Strassenverkehr eigentlich sehr entspannt. Niemand rast oder gerät in diese Schumacherallüren. Was man nur wissen muss: Rechtsabbieger dürfen immer zuerst fahren, zumindest tun sie das. Egal ob die 200 Fußgänger gerade Grün haben oder sich ihren Weg über die Kreuzung bahnen. Als Fahrradfahrer hat man so ziemlich man ziemlich alle Freiheiten. Auch im Gegenverkehr zu fahren ist nicht ungewöhnlich, wenn man denn immer schön am Rand fährt.
Mit dem Rad habe ich enorme Distanzen zurückgelegt. Abends habe ich dann erheblichen Schmutz und Staub von mir geduscht. Und ich dachte immer, ich habe Schnupfen, da meine Nase ständig verstopft war...alles Staub und Smog.
Angeblich ist ein Tag in Peking mit dem Genuss von zwei Schachteln Zigaretten vergleichbar.
Meine Hauptziele waren Museen und interessante Architektur. Von ersteren hat mir am besten das nagelneue Capital Museum oder zu deutsch "Hauptstadtmuseum gefallen (www.capitalmuseoum.org.cn) Schon in architektonischer Hinsicht eine Erlebnis - kostet zudem nicht mal Eintritt. Dargestellt wird Pekings Geschichte von der Prähistorie (Funde des sogg. Pekingmenschen) über die ganze Kaiserzeit bis zu den Errungenschaften des heutigen Kommunismus - Kapitalismus, der ja irgendwie unlogisch ist aber erstaunlich gut funkioniert.
Schön fand ich auch das kaiserliche Stadtmuseum im Changpu-Park gleich östlich des Tores des himmlischen Friedens. Ziemlich weit draussen, mit dem Fahrrad sogar sehr weit draussen liegt die Factory 798 oder meist Dashanzi Art Space genannt, ein modernes Galerieviertel, dass zwar unlängst sehr vershoppt ist und viele Galerien eher Massenware anbieten, aber es gab ein paar Galerien, die wirklich verdammt gute Kunst gezeigt haben. .
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Was Architetkur angeht, ist wohl das neue CCVT-Hochhaus von Rem Kohlhas ein Muss. Da es ja leider schon mal fast abgefackelt wäre (der Nachbarturm des selbigen Komplexes ist ausgebrannt und sieht gerade aus wie ein Stück verbranntes Holz - auch interessant) kann man es noch nicht besuchen.
Auch sehr schön sind der Trommelturm und der Glockenturm. Die stehen in jedem Reiseführer, sind also gar nicht zu verfehlen. Für mich sind sie quasi die Architypen asiatischer Architektur. Tja, und ne prima Aussicht auf Peking hat man von oben auch. . . . . .
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.Die Schow für Architekturfreaks ist die "Neue Altstadt", der Qianmen Dajie an der gleichnamigen U-Bahnstation. Hier war vor ein paar Jahren noch eine stinknormale Einkaufsstrasse. Nun hat man da alles weggerissen und über ein paar Kilometer das Abbild einer chinesischen Altstadt hingezimmert. Niedlich mit grauen Backsteinen und roten Holzfenstern.
Eine ebenso auf alt getrimmte Bimmelbahn mit vermutlich neuester Technick rollt langsam durch die Strasse. In die Häuser kommen jetzt H&M und McDonalds. Für westliche Besucher dürfte das alles ein bisschen sehr nach Disneyland aussehen. Schon deshalb ist es einen Besuch wert.
Immerhin kann man den Himmelstempel (Bilder oben) mit seinem Park besuchen. Dort treffen sich an den Wochenenden schätzungsweise 5 Millionen Pekinger zum Tanzen, Spielen und Singen. Ein Erlebnis! Nicht verpassen!
Also, an den Wochenenden vormittags. Ach ja, der runde Tempel ist auch wunderschön...
Tja, hier könnte man noch endlos weiter machen...China ist eine Reise wert, oder wie in meinem Fall zwei Reisen. Vermutlich wird die Dritte schon bald folgen. und dann wird vermutlich wieder alles anders sein, denn die Menschen in diesem Land verändern sich so schnell, wie ihre Städte ihr Gesicht. . . .
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Autor: Soeren Beermann, Berlin 2009
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