Impressum | Kontakt | Über uns  
  Mittwoch, 02.12.2009 15:30

Vier Wochen Reis und Tofu
Dritter Teil einer Reise durch China

Diese Reportage beschreibt meine Fahrten in die Region nahe der Stadt Shanghai, die wir neben Hong Kong schon in den ersten beiden Beiträgen kennen gelernt haben. Kommen wir nun also zu ein paar kleineren Städten nicht allzu weit von Shanghai entfernt: Suzhou, Hangzhou und Nanjing. Gleichzeitig geniessen wir den einen oder anderen Blick auf die Landschaft.

.      ..

Wenn ich von kleineren Städten schreibe, ist das eigentlich stark untertrieben, denn zählen doch alle mehr als 5 Millionen Einwohner und sind damit viel größer, als Berlin. Dennoch wirken sie bei weitem nicht so groß, da sich die Städt auf sehr große Flächen erstrecken.
Was sie vereint ist, dass niemand vermag, ihren Namen korrekt auszusprechen, der nicht in China aufgewachsen ist. Da trifft es sich gut, dass es in Shangais Hauptbahnhof Ticketautomaten gibt, die auch Englisch verstehen. Die normalen Schalter für Fahrscheine sind hingegen oft recht chaotisch. In China gibt es aber eine wichtige Neuerung dieser Tage: Schlange stehen!    Bei meiner ersten Reise durch China fanden sich vor Fahrscheinschaltern oder ähnlichen Einrichtungen immer unkontrollierte Menschentrauben. Man boxte sich so durch. Mittlerweile stehen auch Chinesen in Reih und Glied - zumindest in den Großstädten. Woher der plötzliche Disziplinerwerb herkommt, kann ich nur vermuten. Ich denke, dass dies eine jener pädagogischen Maßnahmen ist, mit der die Regierung in letzter Zeit ihr Volk überschüttet, um China zu zivilisieren. So wurde den Chinesen auch das Spucken in der Öffentlichkeit verboten. Das machen sie aber immer noch gern, besonders auf öffentlichen Toiletten. So richtig schön laut wird der ganze Hals gereinigt  und das Ergebnis ins Waschbecken gespuckt. Für westliche Gemüter etwas gewöhnungsbedürftig.  Ich kann nicht verhehlen, dass ich oftmals befremdet war. Auch bei anderen Erlebnissen, zum Beispiel, wenn Toilettentüren in den Kabinen fehlen, sie aber dennoch fürs grosse Geschäft benutzt werden. Ich muss aber sagen, dass ich sehr fasziniert davon war, wie unkompliziert das Verhältnis der Chinesen zu ihren Körperfunktionen ist .              . ..     .

Ich schweife aber ab, wollte doch über Suzhou, Hangzhou und Nanhing berichten.
Suzhou wird von den meisten Reiseführern gern als das chinesische Venedig beschrieben. Das stimmt insofern, als die Altstadt viele Kanäle besitzt, ansonsten erinnert aber rein garnichts an Veneidig. Ich lieh mir ein Fahrrad zu einer Tagesmiete von 2,50 € und radelte ein paar der Sehenswürdigkeiten ab. Die chinesischen Verkehrsteilnehmer fanden das wohl sehr lustig, wie ich da zwischen ihnen herumfuhr, jedenfalls lachten sie vergnügt. Vielleicht sah ich so exotisch aus in dem Verkehrsgewühl. Ich hatte aber auch meinen Spass, ist es doch mal eine Abwechslung, nicht auf rote Ampeln oder dergleichen achten zu müssen. Heraus kommt dabei gar nicht unbedingt ein Horrortrip, sondern ganz im Gegenteil ein seht entspanntes Fahren. Suzhou hat zahlreiche Gärten und Gebäude zu besichtigen. Besonders die Gartenanlagen sind gut besucht. Chinesische Gärten sind stets von Mauern umgeben und bieten eine Vielzahl von Teichen,  Pavillons und Brücken. Sie sind kleine Oasen. Die bekanntesten allerdings sind sehr teuer und überfüllt. Es bietet sich also an, die nicht ganz so berühmten zu besuchen. Mein highlight war die Nordtempelpagode inmitten einer Tempelanlage, die in ihren Anfängen wohl schon 1700 Jahre alt ist. Die Pagode bietet nicht nur eine prima Aussicht auf die Stadt und ihren Smog sondern auch ein schönes Beispiel für alte chinesische Architektur. Heute werden immer noch solche Pagoden gebaut, aber inzwischen immer aus dem zeitgenössischen Stahlbeton. Da freut man sich doch sehr über den guten alten Backstein.
Man kann in Suzhou sicher einige Tage damit verbringen, die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu besichtigen. Ich empfand den Ort zwar als recht aufregend, mehr als einen langen Tag wollte ich aber nicht dort verbringen.
Ein Manko der neuen Stadtplanung in China ist, dass es an jeglicher Gemütlichkeit fehlt. Zwar scheint man wieder mehr zu atmosphärischer Architektur und Stadtplanung zu tendieren, aber die Massnahmen der 80er und 90er mit ihren großen Strassenschneisen, die sich durch die Orte ziehen und welche dann allzu oft von gesichtslosen Platten und Betonklötzen gesäumt werden sind natürlich allgegenwärtig.  Dennoch lohnt es, Suzhou zu besuchen, wenn man in Shanghai ist.  Die Bahn fährt oft und braucht nicht lange (maximal 1 1/2 Stunden). Fahrräder gibt es am Bahnhof oder wesentlich günstiger etwas weiter im Zentrum.                             .                              .                            .                         .                       .            ..   ..   ..

In meinem nächsten Ort fand ich dann zur Abwechslung keine Plattenbauten an: Hangzhou .  Größte Attraktion dieser Stadt ist der bei allen Chinesen beliebte Westsee. Der heisst auf chinesisch Xi Hu und wenn man es darauf anlegt, ausgelacht zu werden, kann man ja mal versuchen, dieses Wort in Anwesenheit eines Chinesen auszusprechen. Ich habe es jedenfalls nicht geschafft. Der See ist genaugenommen keine richtige Überraschung für mich gewesen. Es handelt sich um einen mittelgrossen See, welcher von Hügeln umsäumt ist. Zahlreiche Bauwerke, mehr oder weniger bedeutend, säumen sein Ufer. Meine Begeisterung hielt sich anfangs also in Grenzen, fühlte ich mich doch stark an den heimischen Wannsee erinnert, für den ich eigentlich nicht so weit hätte fliegen müssen. Seltsamer Weise waren aber alle Kalifornier, die ich traf, schwer begeistert. Vielleicht ist es für Menschen, die am Ozean wohnen ja was besonderes, einen Binnensee zu sehen... Auf jeden Fall lieh ich mir ein Fahrrad und umkreiste den See.  .     ..

Hangzhou ist auch für Chinesen ein beliebter Ausflugsort. Auch radeln sie gerne um den See oder fahren mit Booten auf ihm herum, besuche eine der Inseln, Parks und Hügel, in denen is immer was zu sehen gibt und dann so kitschige Namen trägt, wie "Drachenbrunnendorf, Drei Weiher, die den Mond spiegeln oder Pagode der Sechs Harmonien". Mein absoluter Tipp ist der Park am Lingyin Tempel, in dem Bildhauer vor 600 -  1100 Jahren schöne buddhistische Reliefs und Skulpturen in den Felsen gemeisselt haben. Dew weiteren gibt es dort schöne Höhlen und einen Berg, den Felai Gipfel, von dem man eine prima Aussicht auf den See hat. Von hier oben war dann auch zu sehen, wo sich die über Fünf Millionen Einwohner der Stadt versteckten. Hinter dem See erstreckt sich eine riesige Betonwüste, die dem See wohnenden reisenden bis dahin komplett verborgen geblieben ist. Auf dem weg zum Gipfel kam ich durch schöne Bambuswäldchen. ...sieht man in Deutschland ja auch nicht alle Tage, es sei denn, als Gartenmöbel.
In Hangzhou scheint es neben all den Sehenswürdigkeiten wie Tempel, Parks und Museesn auch eine recht luxoriöse Touristenszenerie zu geben, bestehend aus Bars und Diskos. Auch werden eine  Menge Luxusartikel angeboten  -  ich habe gleich zwei Ferrari-Läden gesehen - ein etwas dekadentes Erscheinungsbild ist dieser Stadt wohl eigen.
Dennoch habe ich keine 5 € für meine Übernachtung bezahlt und nette Leute kennen gelernt. Mein Übernachtungstipp ist die Filiale des Mingtown - Hostels.                    .                                .                                  .                               .                   ..     ..

Nanjing: Eine etwa fünfstündige Zugfahrt brachte mich von Hangzhou dorthin. Unterwegs lernte ich eine Menge netter Fahrgäste kennen. Chinesen sind sehr höflich. Eine junge Frau meinte zu mir, ich spräche "a very good english and you have a very beautiful voice". Das war schon ein Kompliment, wie man es in Deutschland mehr aus Rosamunde - Pilcher -Verfilmungen kennt...
Die Stadt Nanjing präsentierte sich mir zwar als moderne Großstadt, aber etwas gesichtslos. Große Gebäude stehen überall und bringen ebenso große Straßen mit sich - eher ungemütlich. Allerdings gibt es auch ein Viertel mit Fußgängerzone und zahlreichen Geschäften. Diese Altstadt wird ganzjährig weihnachtlich iluminiert, was irgendwie kitschig aber auch stimmungsvoll ist. Auch gibt es viele alte Kanäle mit vielen Fischen darin. Letztere schwammen aber alle an der Oberfläche(!). Scheinbar gibt es also altertümliche Industrie im Raum Nanjing. Zum Glück esse ich eh kein Seefood.
Nanjing spiegelte eine tragische Rolle im 2. Weltkrieg. Die Bevölkerung erlebte eines der schlimmsten Massaker ihrer Geschichte. In diesem Fall waren es die faschistischen Japaner, die jenes Massaker verübten. Bis heute ist das Verhältnis sehr gespannt, worüber man sich im Museum des Janjing-Massakers überzeugen kann. Das Museum, dass nach der japanischen Invasion benannt wurde, ist sicherlich einen Besuch wert, aber die nachgestellten Kriegs- und Genozitszenen (mit Puppen) wirken eher wie ein Besuch bei Madam Tusseau. Hinterher kann man dann echte Skelette begutachten. Recht makaber und insgesamt eher propagandistisch. Insofern auch von Interesse. Übrigens gibt es in dem Museum den originalen Grabstein von John Raabe und seiner Frau, jenemDeutschen, der damals viele Chinesen vor den Japanern rettete. In Berlin gedachte man seiner wohl nur spärlich, so dass sein Grab irgendwann aufgegeben wurde und seinen Grabstein nach China verbrachte. Mittlerweile gibt es einen Spielfilm, der uns diesen Menschen wieder näher bringt. Ich wollte diesen Film in Shanghai im Kino sehen, als er aktuell dort lief. Der Ticketverkäufer sprach kein englisch, ich kein chinesisch und mit Zeichensprache kam ich in diesem Fall auch nicht weiter. So musste ich wieder ins Hotel...

Weitere Sehenswürdigkeiten gibt es etwas ausserhalb der Stadt. Am beeindruckendsten war sicherlich das Kaisergrab aus der Ming-Dynastie. Ein alter, monumentaler Backsteinbau mit mehreren Vorbauten.   Weiter begeistert eine Skulpturenallee aus Löwen, Elefanten und Fabelwesen. Eines der schönsten Kulturdenkmäler, dass ich in diesem Urlaub sah. Weniger beeindruckend empfand ich das munumentale Grab des Dr. Sun Yat-sen. Dieser wird in China stark verehrt. Auf einem Berg ausserhalb der Stadt wurde ihm ein bombastischer Grabbau errichtet samt einer pathetischen Prozessionstreppe. Leider gibt es außer Hinweise auf bekannte Besucher des Grabmals kein Informationsmaterial. Über das Leben des Sun Yat-sen erfahren wir relativ wenig. Er muss aber wichtig sein, dass Grabmal wird viel besucht.

Zu den anderen Sehenswürdigkeiten der Stadt fährt man am besten per Taxi und lässt sich zuvor einen Zettel mit den Namen der Orte im Hotel auf chinesisch schreiben, um ihn dem Taxifahrer zu geben. Man kann sich natürlich auch nach Bussen erkundigen, dass erhöht dann auch den Abenteuercharakter. Die Busse, die ich in Nanjing betrat, waren jedenfalls allesamt Fälle fürs Technikmuseum! Ich hatte eine Menge Spass in Nanjing...

Bleibt noch die Reise nach Peking  -  mehr darüber im vierten Teil meiner Reportage.                 .                  ..     ..


Autor: Soeren Beermann, Berlin


.